23. bis 24.06.2010 - Nicht der Mensch erzieht das Tier

Morgens im Brühler Garten; alles ist noch ruhig, die ersten Sonnenstrahlen. Einfach schön, da mit ihr zu sitzen. Als sie sich genüsslich, auf dem Rücken liegend, im Gras wälzte, sah ich am Bauch eine Zecke sitzen, die so gut noch auszumachen war, dass ich sie mit der Hand entfernen konnte. „Zeckenzange einstecken“, heißt der Lernsatz dieses Moments.
Zu Hause angekommen, inspizierte ich gründlich ihren Bauch, an dem noch mehrere kleine dunkelbraune Stellen zu sehen waren, bei denen ich mir nicht sicher war, ob oder ob nicht.
Da unser Tierarzt nur unweit von uns, machten wir beide uns gleich mal auf die Beine. Sicher ist sicher, dacht ich, da brauch ich mir wenigstens keine Gedanken mehr machen.

Wir also dorthin gewackelt. Das Wartezimmer mit Hunden und anderem Getier mäßig voll; zumindest musste Mia-Wau dort bemerkt haben, wohin es sie unvermittelt verschlagen hatte. Keine Reaktion von Angst oder Schrecken; kein Rückzug. Und das Ungewöhnlichste war, so ein Tier habe ich überhaupt noch nicht erlebt, dass Mia-Wau beim Warten auf den Tierarzt, mitten in „Behandlungszimmer 2“ in meinen Armen eingeschlafen war.
Ich unterhielt mich noch mit der Tierarzthelferin, auf einmal fing es in meinem linken Arm an zu schnarchen. Auch sie musste mich sogleich darüber aufklären, dass ihr so etwas in ihrer ganzen Tierarzthelferinnenlaufbahn noch nicht passiert war. Schön gelacht haben wir, ließen sie aber schlafen.
Der Tierarzt schaute sich alles genau an, stellte noch einen Kopf ohne Rumpf fest, hat diesen sofort entfernt. Er meinte, sie habe durch Jucken die Zecke selbst entfernt, den Kopf aber nicht mitbekommen. So ist auch der jetzt raus – zu meiner Beruhigung. Da ich dieses Advantix nirgendwo bekommen habe – aber eigentlich müsste es ja noch Wirkung zeigen - , habe ich jetzt eines von ihm mitgekriegt, was wir mal ausprobieren sollten, da jedes Tier noch mal individuell auf so etwas reagiert. Da müsse man zunächt eine Weile experimentieren mit verschiedenen Mittelchen, so seine Erfahrung. Gesagt, getan. Mal sehen, ob es jetzt hält.

Dann trinkt Mia-Wau inzwischen gern Katzenmilch, die laktosereduzierte. "Wenn sie keinen Durchfall davon bekommt, ist das völlig in Ordnung", sagt der Tierarzt. Sie bekommt aller­dings nur ganz wenig davon einmal in der Woche etwa.
Mia-Wau ist ja nach wie vor futterfixiert; sobald die Schwarzafrikanerin sich ihrem Futter­areal auch nur annähert, wird sie verbellt und gejagt. Sie tut ihr aber außer des Erschreckens nichts. Und die Katze kommt nach einer Viertelstunde trotzdem wieder auf meine Beine, obschon die mit den Wackelohren direkt neben mir liegt.
Also es scheint eine innere Form der "Trotzdem-Verständigung" zu geben, die uns Menschen verborgen bleibt. Die sind einfach nicht sauer auf sich, gegenseitig. Und was mich sehr wundert, ist, das Mia-Wau das Regiment in der Wohnung übernommen hat. Da sie doch in Bayern von allen Hunden immer "die Letzte" und scheinbar, aus eigenem Antrieb (oder früherer Erfahrungen), die Servilste war.
So hatte ich gedacht, das würde hier auch so kommen, dass sie sich der "Erstgeborenen" frei­willig unterordnet. Doch weit gefehlt. Der Spieß sollte sich umdrehen. Jetzt, hochbetagt, sieht sie IHRE Chance - zu was auch immer -, zumindest, um EINmal auch die Bestimmerin zu sein, kommen. Aber das ist auch in Ordnung. Einer muss ja die Hosen anhaben; oder in dem Fall, den Rock.

Meine Mutter und ich haben uns jetzt im Hochsommer angewöhnt, bei Bedarf Abend- bzw. Nachtspaziergänge – bis zum Dom zum Beispiel - zu machen. Oder große Runden in lauer Temperatur rund um das Brühl.
Schauen, was alles wieder neu entstanden ist an Wohnhäusern. Um dabei unmittelbar in Ohnmacht zu fallen über die „neue Architektur“, die einzig (Schade, dass es davon keinen Superlativ gibt, der wäre hier mehr als passend) vom Geld geleitet scheint, nicht von Bau- Ästhetik usw. usf.
Die Nachtspaziergänge – manchmal bis Mitternacht - sind etwas sehr angenehmes für Mia-Wau. Erstens, weil es nicht mehr so heiß ist, und zum anderen, weil die Straßen leergefegt sind, vom Mensch und seinem lauten, stinkenden Gefährt – und das, nicht nur aus der Hunde­perspektive betrachtet.

Im Übrigen ist alles wunderbar, nach wie vor, mit Mia-Wau. Sie kennt mich jetzt als Bezugs­person, läuft mir in der Wohnung, wenn sie nicht grad schläft, überall hinterher. Dreht sich beim Laufen auch immer noch mal nach mir um; manchmal überholt sie mich dann, um mich „unter Kontrolle“ zu kriegen; oder aus ihrer Sicht, sicherlich: zu „halten“.
Ist ja auch nicht verkehrt; ist eben doch ein Wach- und Hütehund. Gestern hat sie das Fahrrad meines Vaters krass verbellt, der es wagte, im Garten genau dort abzustellen, wo es gar nicht hingehört. Wir haben schön gelacht, sie gelobt und verhaltensverstärkt. So soll es sein; nicht der Mensch erzieht das Tier – umgekehrt, das sag ich dir.

Um dies Tagebuch der Eingewöhnung abzurunden:

Die Quintessenz zwischen Hund und Katz hier an Ort und Stelle, oder anders gesagt, das Arrangement zwischen beiden, um Gleichgewicht bemüht:
Wer  ist  wann  Gewinner und Verlierer?, das geht so:
Die Chefin, unbenommen, ist die kleine Hündin, die endlich DIE Chance sich hat genommen. Die dabei ins Hintertreffen geratene Prinzessin aus Schwarzafrika hat jedoch zum Leidwesen der selbsternannten Direktorin einen beispiellosen Joker in der Hand. Sie kann nämlich noch hoch springen (es müsste ja gar nicht mal HOCH sein), was der anderen nicht möglich ist.  

Beispiel:
heute (26. 6. 2010) früh; beide bekommen als Einstieg in den Tag ein wenig ihres Lieblings­(katzen)trockenfutters – nur ein paar Perlen dessen. Beide fressen zeitgleich an verschiedenen Orten. Mia-Wau ist schneller damit fertig und jagt an den Platz von Mia-Miau, um zu sehen, ob da noch was für sie übrig ist. Und - tatsächlich, Katz frisst trödeliger zum Samstagmorgen.

Blitzschnell ist der „fatale“ Entschluss gefasst: Dieses schwarze Un-Tier MUSS durch die Wohnung gejagt werden, um sie am Weiterfressen zu hindern. Wie kann DIE es sich wagen, ihr Katzenfutter einzunehmen.

Als man von beiden nur noch den bereits bekannten Kondensstreifen wahrnimmt; Hund an Katz, Katz haut ab, Hund hinterher, rasend den langen Flur entlang; spontan springt Katz einfach auf eine geringe Anhöhe (eine Truhe), lugt nach unten, und Hündlein guckt blöd hinterher. Logisch: dann obendrein noch von UNTEN nach OBEN. Katz freut sich grinsend, über alle Maßen, entwischt zu sein, und nebenher die realen Grenzen des Hundes ausgemacht, und damit den Trumpf aller Trümpfe heute für sich entdeckt zu haben.
DAS darauf folgende mitleidige Lächeln von OBEN herab, das muss wohl doch was ganz Schlimmes sein ..., kennt man ja aus dem richtigen Leben. Hund trottelt enttäuscht von Dannen. Jedoch keineswegs, ohne sich den Rest der Perlen von der Katz vorenthalten zu wollen. Konsequent wollen wir da schon sein.

Eine halbe Stunde später sind beide wieder friedlich nebeneinanderliegend im Bett. Der Fall ist anscheinend Ein für alle Mal geklärt. Zumindest bis zum nächsten „großen Fressen“. Beide haben naturgegeben auf ihre Weise ihre Chancen, und werden diese auch künftig für sich nutzen. 

Wichtig ist, sie tun sich nicht wirklich etwas, es ist ein spielerisches Jagen oder manchmal nur Erschrecken, das einzig zum Schaffen von Positionen dient; und natürlich, um immer das größte Stück vom Kuchen abzukriegen. Auf weitere gute Zusammenarbeit.  

„So geht es hier mit Mensch und Tier, und das erzähl’ ich dir.“

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