Die schwarz-weißen will immer keiner

... oder: Eine Katze ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie was man kriegt!

»Ich kann aber auch verstehen, wenn Sie von einer Adoption doch Abstand nehmen möchten …«, ist einer der ersten Sätze, die ich als Antwort auf meine Anfrage für den kleinen Gizmo (ursprünglich "Lloron") von der "Pfotenrettung grenzenlos" erhalte… 

Wir hatten bereits vor ein paar Wochen ein anderes Tier, den Kater Neo (vormals »Bobo«), von der "Pfotenrettung" adoptiert. Als bei der Vorkontrolle zur Adoption von Neo auch einmal kurz das Gespräch darauf kam, wie viele wunderbare Tiere noch auf einen Platz warten, erwähnte ich auch Lloron, einen kleinen schwarz-weißen Kater mit lustigem Fleckerl um die Nase. "Ach wissen Sie, die schwarz-weißen, die will immer keiner! Die haben ganz schlechte Vermittlungschancen.", meinte Frau Wallhauer damals etwas betrübt. – Das konnte ich erst einmal gar nicht verstehen. Irgendwie war mir dieses Gesichtchen sofort aufgefallen und ans Herz gegangen. Ich hatte es richtig bedauert, dass wir nur eine Katze adoptieren konnten. 

Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt... Denn obwohl wir uns wirklich viel Zeit für den frisch adoptierten Neo nehmen und noch die Katzendamen Enya und Phoebe zur Gesellschaft vorhanden sind, bemerkt man unweigerlich, dass sich der extrem verspielte Neo tagsüber viel zu viel langweilen muss. Neo wird nach zwei Stunden Spielmäuschen apportieren und nach der Katzenangel tatzen erst so richtig frisch. Unsere zwei Katzendamen sind für gelegentliches Beieinanderliegen bzw. gegenseitiges Putzen zwar empfänglich, aber die rabiaten Raufversuche eines halbstarken Katers finden sie höchst lästig. 

Eine längere Diskussion mit meinem Mann, der meinem Ansinnen "noch eine Katze" (!) aufzunehmen erst einmal skeptisch gegenüber steht, führt dann doch zu dem Ergebnis, dass es sogar vernünftig sein könnte, Neo einen Kumpel zu verschaffen. Denn Männer sind schließlich Männer! Kleine Kater müssen rennen und sich jagen und beim Rangeln ihre Kräfte messen, das können wir Menschen Neo einfach nicht in diesem Umfang bieten. 

Wer nun noch bei uns einziehen soll, ist natürlich schon längst klar. Glücklich und aufgeregt öffne ich also die Mail von Frau Danner, die meine Anfrage nach Lloron (jetzt Gizmo) beantworten soll: Leider schlechte Nachrichten! Gizmo ist zwischenzeitlich sehr krank geworden und sitzt seither isoliert in einem separaten Käfig. Man weiß leider nicht ganz genau was ihm fehlt und ob er es überhaupt schaffen wird.

Zwar ist er nach einer medikamentösen Behandlung scheinbar erst einmal über den Berg, aber bei den kleinen Katzen kann man nie 100%ig sicher sein.

Sehr offen und ehrlich schildert mir Frau Danner, dass Gizmo möglicherweise noch viel ärztliche Betreuung brauchen wird. Wenn ich mich unter diesen Umständen nicht für ihn entscheiden könne, würde mir das niemand zum Vorwurf machen. Für mich ist das keine Frage, vielmehr habe ich das Gefühl, instinktiv das richtige Tier erwischt zu haben: eines das schnell meine Hilfe braucht. Auch wenn laut Frau Danner erst ein Tierarzt prüfen muss, ob Gizmos Verfassung so ist, dass man ihn überhaupt reisen lassen kann, ist Gizmo für mich schon "mein" Kater, für den ich mich verantwortlich fühle.

 

Nach einigen Tagen des Bangens kommt die erlösende Nachricht aus Spanien: Gizmos Bluttests und sein Allgemeinzustand sind so weit in Ordnung, dass er kommen darf. Die Freude ist riesig, aber auch die Nervosität, dass sich hoffentlich nichts zum Schlechten ändert, bis sein Flugtermin gekommen ist. Als wir ihn endlich in Empfang nehmen können, sind wir dennoch ein wenig erschrocken. Natürlich wussten wir, dass er ganz schön angegriffen ist, aber dennoch bricht einem schier das Herz beim Anblick dieser großen grünen Augen in dem abgemagerten Gesichtchen. Er ist verschnupft, sein Schwänzchen dünn wie ein Bleistift, an den Beinen befinden sich kaum noch Muskeln, er ist buchstäblich Haut und Knochen.

 

Zuhause haben wir ein kleines Zimmerchen für ihn vorbereitet, denn sicherheitshalber muss er ein paar Tage in Quarantäne bleiben, bis wir den möglichen Befall durch Parasiten oder Einzeller ausschließen können. Er soll auch erst einmal zur Ruhe kommen. Ich habe mir eine Matratze auf den Boden gelegt, damit er diese ersten Tage nicht alleine eingesperrt sein muss. Zur Begrüßung habe ich ihm frisch gekochten Seelachs vorbereitet, den er zu meinem Schrecken überhaupt nicht anrührt, auch ein Babykatzenfutter wird verschmäht. Ich mache mir Sorgen: Was, wenn er nicht frisst, er ist ja eh so dünn? Ganz hektisch läuft der kleine Kerl auf und ab und beschnupperte jeden Winkel. Sein Versuch, die geringe Distanz auf einen Stuhl hochzuspringen, scheitert an seinen geringen Kräften. Er tut mir wahnsinnig leid. Es dauert schließlich Stunden bis er sich zum ersten Mal niederlässt und Schlaf findet.

 

Am nächsten Tag stellen wir ihn beim Tierarzt vor. Die Tierärztin macht mir Mut. Sie gibt ihm eine Aufbauspritze und meint, wenn die kleine Katze jetzt erst einmal raus ist aus der stressigen Situation im Tierheim, kann sie sich viel besser erholen. "Das wird schon!" Die folgenden drei Tage komme ich mir ein kleines bisschen vor wie ein Huhn, dass sein Küken bebrütet. Gizmo würde wohl am liebsten in mich reinkriechen vor lauter Freude, dass sich jetzt jemand konkret um ihn kümmert. Er möchte immer bei mir sein, spielen und schmusen. – Und es ist einfach wunderschön mitzubekommen, wie rasend schnell sich sein Zustand verbessert.

 
Er entwickelt mächtig Appetit. (Inzwischen muss ich sehr über meine Sorge, er könnte nicht fressen, schmunzeln.) Dann stürzt er sich voller Energie auf jedes Spielzeug, das man ihm vor die Nase hält und wenn er sich müde getobt hat, kringelt er sich glücklich in meinem Schoß zusammen und schnurrt er so laut und lang, dass es eine wahre Freude ist. Schnell hat er auch seinen ersten Spitznamen weg. Denn mit seinem restlichen Körper hat sich auch seine Stimme erholt und ich stelle eines Nachmittags gegenüber meinem Mann fest "Du Schatz, die Katze quakt…". – "Was???" –- "Die Katze QUAKT!" Tatsächlich erinnert Gizmos Miauen mehr an das Geräusch, das Jäger produzieren, wenn sie in eine Entenlockpfeife pusten. Seither nennen wir ihn wechselweise Gizmo oder "Ente" / "Enti". Wir ahnen noch nicht, was dieses "Überraschungspaket" von einem kleinen Kater noch alles enthalten wird...

Der nächste Schritt ist die Vergesellschaftung mit unseren anderen Katzen. Die Damen gehen ihm erst einmal aus dem Weg. Neo gibt sich die ersten Tage eher kratzbürstig, mit bösem Starren, Anfauchen und gelegentlichen Pfotenhieben. Ich mache mir schon wieder Sorgen: Wenn das jetzt nicht gut geht mit den beiden? Doch es dauert keine 3 Tage, da "erwische" ich die beiden zusammen auf der Couch. Nachdem man sich ein paar Stunden lang gemeinsam richtig ausgeschlafen hat, ist man von einer Minute auf die nächste "beste Freunde".

Einen Tag später kann man schon zusammen den Katzenbaum erklimmen und wenige Stunden später treffe ich die Jungs zusammen beim fröhlichen "Kuschelmuschel". Seither sind sie unzertrennlich!

 

Ursprünglich hatte Neo die doppelte Körpermasse von Gizmo und ich sah es mit ein wenig gemischten Gefühlen, wenn die beiden zusammen als schwarz-weiße Fellkugel zusammen über den Teppich balgten. Doch dank seines gesunden Appetits hat Gizmo das schnell aufgeholt und die beiden sind sich heute ebenbürtig und raufen gern und oft. Würden sie nicht wenige Minuten später kuschelnd und sich gegenseitig putzend auf der Couch sitzen, möchte man manchmal aus der Geräuschkulisse schließen, dass der eine den anderen auf bayerisch gesagt "grad abkraglt". Tja, es sind eben "kleine Jungs"! 

 

Schließlich darf Gizmo auch in den Garten. Ich traue meinen Augen nicht, als ich nach ihm sehe und ihn oben in der über 2m hohen Hecke entdecke. Ich mache sofort ein Foto und sende es Frau Danner und Frau Wallhauer. Bildunterschrift "So sieht also eine todkranke Katze aus ;-) "Die beiden mussten wohl erst sehr lachen, wie Gizmo dort oben sitzt und rausguckt wie ein kleiner Uhu, erkennen aber schier den Kater nicht wieder, der noch vor 10 Tagen den Sprung auf einen einfachen Stuhl nicht geschafft hat. 

 

Stand heute: Gizmo ist ein mittelgroßer und kräftiger Kater, der schnell gelernt hat, sich das Beste aus dem Leben herauszuholen – oder notfalls einen "x-förmigen" Keks aus einer Tüte "Russisch Brot".

 

Weder chinesisches Essen noch gekochter Brokkoli sind vor dem kleinen Räuber sicher, wenn man nicht aufpasst. Die Sorge, er könne zu wenig fressen war also unbegründet. Denn nach einer mehr als ausreichenden Mahlzeit hat er in der Regel erst einmal HUNGER. Mahlzeiten werden ganz vehement eingefordert, dabei arbeitet er sich durch alle Tonlagen und bringt die ungewöhnlichsten Geräusche zustande. Überhaupt hat er unglaubliche kommunikative Qualitäten entwickeln, die oft bei uns und unseren Besuchern für große Erheiterung sorgen, zumal er grundsätzlich das letzte Wort haben muss: Wenn man ihn anspricht, antwortet er jedes (!) Mal. 

    

Mit den anderen Katzen funktioniert es ganz prima. Die Damen Phoebe und Enya betrachten sein wildes Treiben mit Nachsicht und Neo ist ganz begeistert von seinem Sparringspartner. Er verehrt Gizmo geradezu und lässt keine Möglichkeit aus, ihn von oben bis unten zu putzen, was oft übergangslos zu einer heftigen Rangelei mit anschließender wilden Jagd durchs ganze Haus führt. Aber auch einvernehmliches Spielen klappt gut zwischen den beiden.

 
Gizmo ist unglaublich verschmust und menschenbezogen. Herumgetragen werden oder das pralle Bäuchlein kraulen lassen gehören zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. So hat er sich auch seinen 2. Spitznamen eingefangen: "Rubbelzahntiger". Da er seinen Eckzahn dann gern fest an der Wange des ihn gerade Herumtragenden rubbelt.

Grundsätzlich muss er überall dabei sein, wo seine Menschen gerade gehen und stehen und macht sich es dort erst einmal richtig gemütlich, kann auch gern mal quer über'm Notebook sein…

 
Wir hatten natürlich viel Glück, dass sich Gizmo von seinem etwas holprigen Start ins Leben so schnell und vollständig erholt hat. Heute ist er die lustigste, kommunikativste  und anhänglichste Katze, die wir jemals hatten. Wir sind sehr froh, dass wir genau eine dieser schwarz-weißen Katzen adoptierten, "die sonst keiner haben will"!

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