20.03.2010 - Eine Schnurr-Gurr-Ära geht zu Ende

Wenn ich diese Zeilen schreibe, möchte ich gleich vorausschicken, dass sie nicht nur retrospektiv, sondern leider auch „posthum“ sind, weil ihre Bezaubernheit leider nicht mehr lebt. Dennoch möchte ich von ihren letzten Wochen erzählen, weil sie sich weiter so „gemausert“ hat hinsichtlich Selbstvertrauen und Geselligkeit zu anderen Menschen, die ehedem ach-so-gefährlichen Besuchern.

Den schneereichen Februar verbrachten wir meist kuschelnd und schmusend, wenn ich nicht mal wieder die vier obligatorischen Tage zum Katzenfutterverdienen war, und auch in den wenigen Sonnenstunden draußen im verschneiten Garten und natürlich auch auf der geschippten Terrasse:

An einem Wochenende mußte ich dringendst den übervollen Kompostbehälter zum Komposthaufen an der Gartenmauer bringen, war allerdings barfuss und zu faul, mir wegen der kurzen Strecke noch Strümpfe und Schuhe anzuziehen. So beschloß ich, durch den schneebedeckten Garten gemäß Alpin-Kneipp-Kur barfuß mit dem Abfall zu hüpfen – in großen Sprüngen, denn kalter Schnee tut an nackten Füßen schlichtweg weh! Zurück vom Komposthaufen kam ich dann in noch größeren Känguruh-Sprüngen, so schmerzten mir vor Eiseskälte die Füße. Meine Schnecke sah mich allerdings mit großen, gelben Scheinwerferaugen bewundernd an ... Daß Minky meine „Meisterleistung“ kognitiv total begriffen hatte, merkte ich zu meinem maßlosen Erstaunen gleich am nächsten Tag: die Sonne schien und so öffnete ich sperrangelweit die Terrassentür, fegte den Schnee von den Fliesen weg, damit Minky ihn nicht betreten mußte, und war vergeblich auf der Suche nach der hauseigenen Schneeschaufel, um für sie den Garten frei zu schieben – weit gefehlt! Denn meine Schnecke betrat vorsichtig dieses kalte Weiße, sank auch darin etwas ein und schaute sich auf ihrem Weg zum Baum mit Vogelhaus öfters fragend nach mir um. Vom gepolsterten Gartenstuhl aus bewunderte ich meine Schnecke mit bestärkenden Worten und fand sie schlichtweg toll, was sie auch wirklich war in ihrem unglaublichen Mut und erwiesenen Lernfähigkeit. Am Baum machte sie allerdings schnurrstraks kehrt und hüpfte in weiten Sprüngen auf mich zu, um mir auf den Schoß zu klettern und ersteinmal wieder gewärmt und durchgeknuddelt zu werden. Aber ich war von Minky's erstem Schneegang hin und weg, weil mir klar war, wenn sie das nun noch öfters probieren würde, ich nicht mehr (unter dem Hohngelächter meiner lieben Nachbarn) den Garten schippen müßte, was ich in den letzten Wochen deswegen sowieso meist nachts gemacht habe, damit ich mich nicht weiter der öffentlichen Lächerlichkeit preisgebe. Jetzt, im traurigen Nachhinein, habe ich übrigens erfahren, dass ich nicht der einzige Mensch bin, der für seine Katze(-n) schippt – es gibt einige Leute, die das tun, was diese mir mit einer großen Selbstverständlichkeit ebenso erzählt haben wie der Tierarzt mit einem verschmitzten Lächeln.

Donnerstags abends nach vier Arbeitstagen liebe ich ausgedehnte Badestunden, die so entspannend und das absolute Gegenteil von hektischen Duschaktionen sind. Minky sitzt währenddessen auf den Fußboden beheizten Fliesen, nicht auf ihrem WC-Matten-Vorleger, weil ich zu sehr plantsche, und schaut mir dabei interessiert und mit leichtem inneren Grauen zu. Wie kann man sich nur freiwillig in Wasser begeben? Ganz entgeistert starrt sie mich allerdings aus ihren gelben Basedow-Augen an, wenn ich untergetaucht bin und mit Schumhäubchen wieder auftauche. Ihre entsetzen Augen wandern von meiner Schaumkrone zum etwas über den Wannenrand geschwappten Wasser, das gaaaanz langsam in dünnem Rinnsal auf sie zufließt. Es ist noch weit von ihr entfernt, aber die Dame beschließt angewidert, mit schüttelnden Vorderpfötchen aus dem Bad zu schreiten, dabei hatte das bißchen Wasser sie noch gar nicht berührt! Hätte nur noch gefehlt, daß meine Schöne dabei den Kopf schüttelt. Wenn ich dann mit Handtuch umwickelten Kopf ins Wohnzimmer komme, schaut sie jedes Mal mich irritiert an und genauso, wie wenn ich später Lockenwickler drauf habe – ich muß ihr dabei stets so entstellt vorkommen wie im Herbst mit der Schutzbrille, als ich beim Häckseln im Garten war – da lief sie erschrocken vor mir weg und versteckte sich! Aber mit Handtuch und Lockenwicklern können trotzdem die Relaxstunden beginnen: ich in Felldecke gehüllt im Schaukelstuhl mit Beinen auf dem Sofa, Minky auf meinen durchgestreckten Knien und dann TV, Vino, Zigi und Strickzeug – saugemütlich. Allerdings interessiert sich meine Süße sehr für mein Strickzeug, weniger für die Wollknäuel als vielmehr für die zappelnden Fäden, die sie manchmal so provozieren, dass sie da mal durchgreifen bzw. vehement dazwischen hauen muß. Um  mein Plüschi zu beruihgen und mein Handwerk nicht von ihr zur Sysiphusarbeit machen zu lassen, lege ich den angehenden Babypulli (ich werde im Juni'10 Großtante) einfach weg und greife zum Telefon. Manchmal komme ich gar nicht dazu, eine Nummer zu wählen, weil meine Schöne schon zu meckern anfängt (ich habe deswegen auch schon so manches Telefonat vorzeitig beenden müssen). Minky eifert wahrscheinlich oder verbindet mit einem Telefonat bald darauf eintreffende Störungen (= Besuch). Stattdessen fängt sie lauthalts – anders kann ich das nicht beschreiben – zu schnurren an und köpfelt gegen meine Hand, also muß sie jetzt im Vordergrund sein und das nur schmusend und kuschelnd. - Stunden später bringt sie mich dann ins Bett: gurr-schnurr.

Ich bekomme kurzfristig eine liebe Einladung, ganz schnell für ein verlängertes Wochenende in den  hohen Norden zu reisen zu einem riesigen Familienfest. Etwas verärgert, daß ich solch ein Ereignis aus rein organisatorischen Gründen hätte schon weitaus früher wissen müssen, will ich eigentlich gar nicht fahren, zumal ich ja auch an die zuverlässige Versorgung meiner zart besaiteten Mieze denken muß. Dennoch klappt alles mit 1 Tag Sonderurlaub und dem befreundeten Schreinermeister Horst, der Gott-Lob in unmittelbarer Nachbarschaft wohnt und Minky 2x täglich versorgen und auch beschmusen will, sofern sie das zuläßt. Voller Sorge und innerer Unruhe, ob die vier Tage meiner Abwesenheit auch einigermaßen gut über die Bühne gehen, fahre ich los, bekomme aber schon am 1. Abend von Horst eine SMS, dass alles im „grünen Bereich“ sei. Als ich dann wieder daheim bin, begrüßt mich Minky schnurrend und ist keinenfalls beleidigt so wie Ende Nov.'09, als ich wegen meiner Hüft-OP einen Tag und eine Nacht nur weg war (da saß sie geschlagene 4 Std. (!) vor einer leeren Wand und ich konnte flöten, säuseln und zirzen soviel ich wollte, sie beachtete mich gar nicht, sondern schaute demonstrativ immer in die andere Richtung!). Nach meiner Kurzreise verhielt sich ihre Bezaubernheit genau so, als wäre ich nie weg gewesen, für mich ein eindeutiges Zeichen, daß sie sich nicht verlassen und einsam vorgekommen ist. - Abends kommt dann Horst zum Essen und Berichterstatten: er war stets 2x täglich hier und hat abends mit Minky ferngeschaut, sein Bierchen geschlürft, gequalmt und dabei die Süße gestreichelt. Um sie zu trösten, hat er Leckerlis (diese Katzenstangen) gekauft, die ich auch schon längst in der Küche habe, sie aber nie mochte. Bei Horst hat sie es genossen, stückchenweise aus seiner Hand damit gefüttert zu werden! Ich merke einen kleinen Stich der Eifersucht in meinem Herzen .... Schon vor dieser Kurzreise hatte Horst es geschafft, Minky an sich zu gewöhnen, ja konnte sie sogar auf den Arm nehmen und kraulen, wenn auch nicht für lange Zeit. Aber jetzt, nach der Kurzreise, kam die Dame von allein ins Wohnzimmer, warf sich auf den Teppich, und blinzelte Horst an – und er zurück, also die beiden flirteten mit einander. Dann warf sich Horst selbst auf den Boden und fütterte meine Schnecke wieder mit kleinen Stücken Katzenstangen-Leckerli, die nur aus Horst's Hand zu schmecken schienen und das in Unmengen! Natürlich mußte er sie auch auf den Arm nehmen und sie gab ihr unüberhörbares Schnurr-Gurr-Konzert ab. - Von diesem Abend an kam Minky IMMER von allein ins Wohnzimmer, sobald sie Horst's Stimme erkannt hatte. Ich war voller Zuversicht, daß meine Katze noch richtig leutselig (nämlich: selig mit Leuten) werden würde.

Es ist wieder ein sonniger Februar-Wochenendtag und Minky und ich machen uns auf den Weg auf die schneebefreite Terrasse, wo ich auch ihren Katzenkorb mit Seidenkissen an eine windgeschützte und sonnenreiche Stelle positioniere, die zufälligerweise die Türschwelle zum Wohnzimmer ist. So haben wir beide Blickkontakt, auch wenn sie sich ihrem Lieblingshobby „Piz-Buin“ widmet und ich mich meiner Haushaltspflicht, u.a. dem Abwasch. Solange ich in der Küche mit Geschirr klappere, ist alles o.k. Ich darf mich nur nicht an der PC z.B. setzen, wo ich ausser Sichtweite bin, denn dann fühlt sich meine Süße genötigt, reinzukommen (und in diesem Fall unter den PC-Tisch in ihr Bettchen zu legen). Also verschiebe ich alle derartigen „unsichtbaren“ Tätigkeiten auf Sonnenuntergangszeit, schnappe mir die Felldecke, Strickzeug und sonstige entspannenden Utensilien, um mich in meinen gepolsterten Gartenstuhl in die Sonne zu setzen. Minky beobachtet diese Vorbereitungen und klettert in meinen Gartenstuhl, von wo aus sie mich mit genüßlich geschlitzten Augen ansieht, die mir signalisieren „besetzt“. Daraufhin hole ich einen Stoff bespannten Regiestuhl und setze mich in Felldecke gewickelt neben sie. Das war wohl aber nicht in ihrem Sinne, denn sie steht auf und zeigt mir mit ausgestreckter Vorderpfote, daß sie auf meinen Schoß will. Also hieve ich sie zu mir rüber, doch das ist auch nicht richtig! Sie springt runter und umkreist mit meckernd (nicht schnurrend), so daß ich ahne, was sie will: ich wechsel mit Felldecke und allem Hab und Gut in den Gartenstuhl, ziehe den Regiestuhl so heran und lege meine Beine drauf – und schwupp-di-wupp ist Minky hochgeklettert, macht sich auf meinen durchgestreckten Knien gaaaanz lang und schnurrt lauthals bis zum Sonnenuntergang. Minky's Vorliebe für durchgestreckte Knie hat Gott wohl Rechnung getragen und uns Menschen Kniescheiben geschenkt, denn sonst wären die Knie schon längst durchgeknackt. - An einem anderen (halb-)sonnigen Tag liegt Minky in ihrem Korb mit Seidenkissen und ich sitze im Gartenstuhl, als sie sich plötzlich aufsetzt, aufgeregt schnauft und leicht zitternd zu einem riesigen Busch in Nachbars Garten schaut. Als ich auch meinen Blick dorthin lenke, entdecke ich dahinter den schwarz-weißen Kater, der ebenso zitternd auf seinen Keulen sitzt und Richtung Minky starrt. Meiner Schönen wird das Ganze offensichtlich zu aufregend und sie klettert auf meinen Schoß (ihre Krallen gehen durch jede Jeans!). Gut gesichert von dort oben sendet sie ihm ein unmißverständliches Knurren, woraufhin er über den Gartenzaun entfleucht, und Minky mit voller Genugtuung zu schnurren beginnt. Tapfere, kleine Mieze!

Minky war anfangs, als sie zu mir kam, unheimlich empfindlich gegen laute Geräusche, beruhigte sich jedoch rasend schnell, v.a., wenn ich ihr immer wieder sagte, daß „alles gut ist und die Welt rund und bunt“ (wie beim hupenden Baukran nebenan) oder ich die Geräuschquelle mit diversen Haushaltsgeräten war. Inzwischen ist meine Schnecke bzgl. Geräuschen äußerst cool geworden, v.a. wenn ich in ihrer Nähe bin und auch beim vergangenen Sylvester, nur der Staubsauger bringt sie in Panik bzw. in ein Versteck. Neulich hatte ich am Wochenendmarkt für meinen Vorwerk-Kobold jedoch eine neue Rollbürste gekauft und eingebaut. Seither surrt der Staubsauger nur noch dezent und Minky schaut mit vom Sofa oder Pfauenthron aus verächtlich zu, wie ich ihn durch's Wohnzimmer und um sie herum schiebe. Manche Dinge lassen sich halt auch ändern!

Seit Ende meiner Pubertät leide ich an chronischer Migräne, die durchnittlich einmal im Monat zum Ausbruch kommt, oft ausgelöst von Wetterumbrüchen  und die mit der Umarmung der WC-Schüssel, anschließendem Kreislaufkollaps und Schüttelfrost enden, so daß ich danach in einen stundenlangen Erholungsschlaf sinke. Dies passierte auch eines Nachts, als mir im Bett der Schädel nur so dröhnte und mir schnell schlecht wurde, so daß ich schnell Minky von meiner Hüfte schieben und ins Bad sprinten mußte. Während sich mein Mageninhalt ins WC stülpte, saß Minky mit erstauntem Blick neben mir und schaute mich offenbar mitleidig an. Nach der üblichen Mundspülung wankte ich, gefolgt von meiner reizende Seniorenmieze, wieder ins Bett, liebevoll von ihr auf meiner Hüfte hockend betreut. Während ich zitternd auf den erholsamen Schlaf wartete, wurde mir wieder schlecht, was sonst nie bisher der Fall war. Ich stürzte also nochmals zur gehabten Prozedur ins Bad und diesmal übergab sich Minky neben mir auch, ganz solidarisch! Vielleicht hatte sie aber gemeint, auch dieses symptomatische Verhalten mir nachmachen zu müssen – wie ihre Schneebegehung und vielen „assistierenden“ Handlungen.

Ja, das waren unsere letzten Wochen mit einander: schmusend und auf den Frühling wartend. Minky hat die Frühlingsblumen (Hyazinthen, Primeln und Osterglocken), die ich vom Wocheneinkauf mitbrachte, offenbar genossen, denn sie roch nicht nur bei ihrer obligatorischen Wareneingangskontrolle daran, sondern auch öfters zwischendrin, wenn sie unerlaubter-, aber toleanterweise auf den Tisch sprang und daran schnupperte. Oft saß sie unter dem Rolltischchen mit den Frühlingsblühern in ihrem Korb und schaute sehnsüchtig in den verschneiten Garten, warf mir manchmal, wenn wir abends beim Lüften kurz auf der vereisten Terrasse waren, einen vorwurfsvollen Blick zu, so, als könne ich am Wetter was ändern und das bitte hopp-hopp. Nun ist der Winter dem Frühling gewichen und mit ihr meine Minky und damit mein Herz:

In der Nacht von Sonntag (14.3.) auf Montag (15.3.) fegte bei uns ein so gewaltiger Schneesturm mit Eiseskälte, daß ich irrsinniges Kopfweh bekam, kaum schlafen konnte und wieder einmal einen gewaltigen Migräneanfall befürchtete, der allerdings ausblieb. In der Früh war ich so gerädert, daß ich beschloß, daheim zu bleiben und von dort aus zu arbeiten. Ich sandte diesbezüglich meinem Büro eine kurze E-Mail und machte mich dann ans Werk am PC, begleitet von Minky zu meinen Füßen in ihrem Bettchen. Am frühen Nachmittag war ich mit allen Arbeiten, die ich von daheim aus machen kann fertig, das Wetter hatte sich einigermaßen beruhigt und ich stapfte zum nahen Supermarkt zum Einkaufen, u.a. auch 50 g Rinderhack für meine Schöne (die letzten 14 Tage fraß Minky statt 100 g nur noch 50 g Naßfutter am Tag). Als ich wiederkam, wurde ich von ihr freudig begrüßt, sie kontrollierte wieder einmal schnuppernd die Einkäufe und war über das Rinderhack äußerst erfreut. Ach ja, übrigens: Minky hatte Anfang Februar'10 ihren Fressplatz selbst in die Küche verlegt, denn eines Tages saß sie vor der schmalen Wand in der Küche und leckte sich ihr Mäulchen. Daraufhin holte ich ihr Freßtablett aus dem Wohnzimmer und seither fraß sie genüßlich in der Küche, was mir wegen der bevorstehenden Sommerwärme sehr recht war. - Dann forderte Minky ihre Schmusestunde (-n) ein, indem sie auf mein Sofa hüpfte, drauf rumtretelte und mich von dort aus schnurrend und geschlitzen Blickes lockte. Ich mußte dabei stets erst die Felldecke über meine Beine ziehen und mich dann in den Schaukelstuhl setzen mit Beinen auf dem Sofaende, denn in einer anderen Reihenfolge wäre Minky sogleich auf meine Beine geklettert und hätte sich dort lang gemacht. Ja, und wie so viele Male lag sie ausgestreckt und schnurrtend auf meinen Beinen und schaute zur Terrassentür in den verschneiten Garten, während wir Musik hörten und schmusten, ich strickte (heimlich), trank meinen Vino, qualmte und durfte auch mal telefonieren. Es war einfach richtig saugemütlich und kuschelig. Abends brachte sie mich wie üblich ins Bett und dies waren unsere letzten gemeinsamen Stunden.

Am Dienstag, 16.3. und damit Minky's Todestag, fahre ich in Herrgottsfrühe in die Arbeit, habe jedoch ein ungutes, unruhiges Gefühl und mir geht ehrlich gesagt jeder und alles auf den Keks. Während ich auf eine geschäftliche Antwort per E-Mail warte und alles weitere am Laufen und damit im Griff habe, surfe ich ein bissel und gelange an eine Anja, die verzweifelt versucht, einen verwaisten, roten Seniorkater (15 J.) namens Charly zu vermitteln. Ich maile ihr begeistert von meiner Minky und mache ihr noch kräftig Mut, sage ihr, daß ich Charly wegen meiner Mieze mit Alleinherrschaftsanspruch, den auch der Kater hat, leider nicht nehmen kann, doch würde ich eine Freundin von mir auf ihn ansprechen. Irgendwann ist auch dieser Arbeitstag vorbei, ich parke mein Auto in der Garage und gehe durch den Schneematsch noch schnell zum Briefkasten. Da gegenüber ein Drogeriemarkt ist, kaufe ich dort noch Badeschaum, wobei ich Minky sich schon innerlich schütteln sehe, und überflüssigerweise orange Beetrosen und Gladiolenzwiebeln, was ich alles gar nicht brauche, da ich seit über 2 Wochen Pflanzgut im Auto mit mir rumkutschiere, das ich mit Minky beim nächsten Frühlingswetter setzen will. Dann gehe ich heim und bin ziemlich frustriert, dass ich an der Wohnungstür nicht von meiner Schnecke begrüßt werde, die schon am Geräusch des Schlüsselumdrehens wußte, wenn ich – oder interimsmäßig Horst – heimkam. Ich denke mir noch verwundert „Scheiß-Service“ und rufe laut nach meiner Süßen, während ich Lederparka und Schal schnell in den Schaukelstuhl werfe. Während ich das Wohnzimmer incl. Pfauenthron absuche, dabei meine Schnäckä rufe, denke ich mir, daß sie eventuell am „Sinnieren“ im Bad sei und mein Kommen dabei überhört habe. Also rufe ich sie weiterhin und schaue ins Bad, wo der WC-Vorleger jedoch zerknüllt in einer Ecke liegt und sie nicht zu sehen ist. Darüber verwundert schaue ich jetzt auch im Schlafzimmer nach, doch ist sie auch nicht im Bett, auch nicht in ihrem unter'm PC. Nun bekomme ich leichte Panik und fürchte, daß sie mir morgens in der Dunkelheit entkommen sei und nun draußen verängstigt rumirre und nicht mehr reinkönne. Ich stürze zur Terassentür und öffne diese, rufe nach wie vor dabei nach meiner Mieze. Ich bilde mir ein, aus dem Schlafzimmer ein klägliches Mauzen zu hören und finde sie dort auch gut getarnt auf einer schwarzen, am Boden liegenden Wolljacke vor der Bügelmaschine. Noch nichts Böses ahnend begrüße ich sie stürmisch und frage mich, warum sie nicht aufsteht und mit entgegenkommt – sie wird doch nicht wegen irgend etwas schmollen und mir gram sein? Also gehe ich ins Wohnzimmer zurück, rufe sie nach wie vor, klirre absichtlich geräuschvoll mit Glas und Flasche und schwenke öfters die Terrassentür auf, für Minky bisher das eindeutige Zeichen von Feierabend und schmusigen Relaxstunden, aber sie kommt einfach nicht. Okay, wenn der Prophet eben nicht zum Berg kommt, dann also umgekehrt. Als ich sie aus dem Schlafzimmer holen will, trifft mich fast der Schlag, als ich sehe, wie Minky sich auf ihren Vorderpfoten von der Strickjacke zu mir schleppt, die Hinterläufe lang gestreckt hinter sich herziehend. Mir ist schlagartig bewußt, daß meine Schöne querschnittsgelähmt ist und dies das abrupte Ende unserer Provinzidylle ist. Tränenüberströmt nehme ich meine Katze vorsichtig auf den Arm und platziere sie auf den weichen Wulst meines Sofas, in den letzten Wochen ihr Lieblingsplatz. Ich streichle mit der rechten Hand ihre Kopf, sie leckt mir intensiv und unablässig dabei die Hand, und mit der linken taste ich ihren Hinterleib ab, der stocksteif und eiskalt ist. Während dieser ausgiebigen und intensiven Minuten habe ich die ganze Zeit das untrügliche Gefühl, daß auch Minky weiß, daß sich nun unsere Wege trennen werden, denn sie schaut mich dauernd fragend und vertrauensvoll an, während sie unablässig und auch tröstend meine rechte Hand leckt, als wolle sie „Danke“ sagen. Oder bilde ich mir das nur ein? Die entsetzliche Tragweite läßt mich nur noch zum Hörer greifen und den Tierarzt anrufen, der aber heute nachmittags keine Sprechstunde mehr hat, da im Großtiereinsatz bei den Bauern. Seine Frau gibt mir die Handynummer von ihm und seinem Kollegen, doch beiden kann ich nur auf die Mailbox sprechen, daß ich noch heute tierärztliche Hilfe brauche. Dann rufe ich Horst an und spreche auch ihm nur auf die Mailbox, daß er bitte kommt, denn den letzten Gang will ich mit Minky nicht allein machen, auch seelisch kaum machbar für mich. Ich rufe auch verzweifelt Minky's frühere Pflegemutter an, obwohl sie uns aus weiter Entfernung nur mental helfen kann. Während ich auf den Rückruf vom Tierarzt und Horst's Erscheinen warte, füttere ich Minky mit etwas Leckerlistangen, die sie gierig frisst, und halte ihren Wassernapf, aus dem sie ebenso gierig trinkt. Offenbar ist das furchtbare Unglück vormittags passiert, so ausgelaugt und eiskalt wie sie ist. Horst kommt endlich und ist ebenso fassungslos, kniet sich vor's Sofa und füttert die Süße mit einer weiteren Leckerlistange und streichelt sie unablässig. Da sich Minky emsig ihren Hinterleib leckend zu putzen beginnt, hole ich ein weißes Badefrotteehandtuch und lagere sie vorsichtig um, weil sie offenbar Darm und Blase nicht mehr im Griff hat. Nach für mich Urzeiten ruft der Tierarzt an, wir sollen um 18.15 Uhr in der Praxis sein. Ich erspare meiner Schnäckä den verhaßten Katzenkorb, wickle sie nur sanft in das große Handtuch ein, drücke sie Horst in den Arm und nehme ihre Papiere und Geld mit. Auf dem Weg zur nahe gelegenen Praxis schaut Minky nur interessiert und fragend mich von Horst's Arm an, aber als wir das leere Wartezimmer schnellen Schrittes durchschreiten, schreit sie drei Mal laut auf, so als würde sie sich an ihren Arztbesuch vom 8.1.10 wieder erinnern und habe nun Angst. Auf dem Untersuchungstisch macht sie allerdings keinen Mucks mehr: ich halte die ganze Zeit ihren Kopf und streichle sie, so daß sie nicht viel von ihrer Umgebung und dem Tierarzt mitbekommt. Der Arzt kneift sie testhalber mehrfach in den Schwanz wie auch in die Hinterbeine, aber es kommt keine Reaktion, nicht einmal ein Reflex. Somit bestätigt er meine furchtbare Vermutung, daß sie sich nicht nur einen Nerv eingezwickt habe, sondern sich das Kreuz abgerissen, woraufhin wir uns alle Drei einig sind, meine Schöne einzuschläfern, damit sie nicht (mehr) leidet. Nun zeigen sich aber die angeblich sieben Katzenleben: Minky bekommt die erste Narkosespritze in ihr gelähmtes Hinterteil, die sie daher gar nicht spürt, doch bleibt diese auch nach 15 Minuten wirkungslos – Minky wirkt nur etwas ruhiger, gelassener. Allerdings übergibt sie sich dann heftig, so daß die ganzen kleinen Leckerlistücke rauskommen und sie sich dabei total einsabbert, was wir aber mit etlichen Kleenextüchern aufwischen. Dann bekommt sie eine zweite in ihr Nackenfell, während ich dauernd ihren Kopf halte und ihren ausgestreckten Körper streichle, dabei wie ein Schloßhund hemmungslos heule und ihr dauernd versichere, was für eine schöne und gute Mieze sie sei. Minky's Kopf wird langsam schwerer, kaum merkbar bei einem Gesamt gewicht von nur 2,5 kg, und läßt ihren Kopf mit den mittlerweilen großen, runden Pupillen in meiner rechten Hand ruhen. Eine meiner unendlichen Tränen tropft in ihr weit geöffnetes rechtes Auge und sie zuckt kurz mit den Lidern, als wolle sie mir zuzwinkern. Aber für die letzte Spritze ist sie noch nicht so weit, da noch nicht total weg im Narkoseschlaf. Der Arzt rasiert ihr daher mit einem surrenden Schurgerät die linke Innenseite des Vorderlaufs, staut das Blut und setzt ihr einen Katheder, worin er ihr die dritte Narkosespritze setzt. Die ganze Zeit hoffe ich, daß auch die freie Seele ihres verstorbenen Erstfrauchens jetzt da ist und Minky ins Jenseits abholt. Nach weiteren 15 Minuten „schläft“ sie nun so fest, daß sie die vierte Spritze, die tödliche bekommt, was ich aber gar nicht mitbekomme, denn ich streichle Rotz und Wasser heulend meine Katze und halte ihren versabberten Kopf ganz nah an meiner bebenden Brust. Irgendwann spüre ich, daß Minky immer kühler wird, sage das auch und will sie mehr auf das Badetuch legen, weil sie eventuell frieren könne, registriere aber nicht die Bedeutung dessen, daß der Arzt bereits das zweite Mal sie mit dem Stetoskop abhorcht. Als er sagt, daß es jetzt „soweit“ sei, denke ich, daß er nun zur Herzspritze mit der langen Nadel greifen wird, doch dann klärt mich Horst darüber auf, daß der Arzt damit gemeint habe, sie nun tot (19 Uhr). Verwirrt weise ich daraufhin, daß Minky jedoch immer noch meine Hand lecke, doch der Arzt meinte, daß das nur noch die letzten Reflexe seien. Ich wickle Minky sanft in das Tuch, wir bedanken uns für seine Hilfe und tragen Minky heim, wobei ich auf der Unterseite ihres Körpers durch's Handtuch hindurch noch ihre Restwärme spüre. Daheim lege ich sie auf's Sofa, Horst geht schnell heim zum Schuhewechseln, um mit dem Spaten Minky's Grab ausheben zu können, und ich fotografiere meine wunderschöne Seniorenmieze ein letztes Mal, weil der Tod zum Leben gehört. Bis Horst wiederkommt, telefoniere ich noch mit Minky's Pflegemutter, weil sie auch über den aktuellen Stand der Dinge informiert werden wollte und darauf auch das Recht hat, und streichle meine tote Katze, heulend und in tiefer Verzweiflung. Horst prüft mit dem Spaten zwei Stellen nahe an „unserer“ Sonnenterrasse, doch ist nur wenig Humus auf dem darunter liegenden Kies, so daß er nicht tief kommt. Richtung Komposthaufen, in direkter Sichtlinie zum gepolsterten Gartenstuhl, ist er dann erfolgreich und buddelt in inzwischen absoluter Dunkelheit ein 50 cm tiefes Loch. Ich bette Minky vom Handtuch in ein weißes Chintz-Tuch um, damit, wenn sie auch schnell beerdigt wird, wenigsten annähernd so edel ruht wie zu Lebzeiten auf Samt und Seide. Leider vergesse ich dabei, ihren Kopf auf das versabberte, kleine Schmusekissen, mit dem sie von ihrem Erstfrauchen hier eingezogen war, zu legen, aber das bessere ich wenige Tage später nach. Horst schaufelt Minky's Grab zu, wir (be-)trinken uns noch bis 22 Uhr, dann geht er und ich total verheult auf die Couch, wo ich einer Wiederholungssendung von „Der Bulle vom Tölz“ geistig gar nicht folgen kann, so gefangen bin ich von den letzten Ereignissen. Um Mitternacht falle ich wie betäubt und traumlos rückwärts ins Bett, zum ersten Mal nicht schnurrend ins Bett gebracht.

Mittwoch, 17.03.10: entgegen meines inneren Gefühls, aber den wohlgemeinten Ratschlägen des Freundeskreises gehorchend, fahre ich ins Büro, wo ich eine halbe Klorolle voll heule und wie in Trance meine ach-so-wichtige Arbeit mache. Allein das Einloggen in den PC gibt mir einen tiefen Stich, ist mein Codewort doch „Minky801“, das Datum unseres ersten gemeisamen Tierarztbesuches am 8. Jjan.'10. Wenn der PC mich alsbald fragt, ob ich das Passwort ändern will, weil in wenigen Tagen „expired“, dann werde ich Minky's „expired“ Datum eingeben als „Minky 163“. Mich schmerzt sehr der erste warme und sonnige Frühlingstag, auf den Minky so sehnlichst gewartet hat und der nun über ihrem kühlen Grab weht. Eine alte E-Mail-Anfrage von Minky's Pflegemutter mit dem Betreff „Lebenszeichen von Minky“ versetzt mir einen weiteren Stich, gibt es dazu nun nichts mehr zu sagen. Ich finde alles und jeden so banal und meide auch das Telefon, mich interessieren nur Minky's bevorstehende Grabgestaltung und die Info an Anja, daß makabrer Weise meine Schöne an dem Tag gestorben ist, wo ich ihr wegen Charly Mut gemacht hatte. Während des gesamten Tages stürze ich in unergründliche Depressionen ab, die sich noch beim Heimkommen verstärken, weil mein gewohntes Empfangskomitée fehlt, aber Minky's Requisiten noch überall verstreut sind wie Freßtablett, Wassernapf, Transportkorb (ungebraucht) und Katzenklo. Ich informiere meine unmittelbaren Nachbarn Brigitte, Tom und Martin über das schreckliche Geschehen, die auch ganz fassungslos sind, haben sie alle doch Minky's stetige Positiventwicklung miterlebt und sie gern gesehen, auch in ihren Gärten und auf ihren Terrassen, alles Minky's ausgedehnte Latifundien. Das meiste von Minky's Requisiten – im wahrsten Sinne des Wortes - räume ich heulend weg; Geli, die „Katzenfrau“ (mit 8 Straßenmiezen) besucht mich und bringt mir Blumen für Minky, etliche Freunde rufen an und versuchen, mich zu trösten. Ich bin dafür sehr dankbar, aber mein Herz ist gebrochen und liegt 50 cm unter der Grasnarbe. Natürlich war klar, daß Minky irgendwann einmal bei mir ihr Leben aushauchen würde, aber wie gesagt: irgendwann einmal und nicht so schnell und ohne Vorbereitung. Ich hatte mir vorgestellt, daß Minky mal sanft hinübergleiten würde während sie sich in der Sonne pelzt oder von der Fußbodenheizung durchrösten läst. Aber meine Freundin Inge sagt, sie habe 4 Katzen gehabt, wovon 2 auf der Straße endeten und 2 beim Tierarzt, so daß ich über das schmerzlose Ende von Minky froh und dankbar sein könnte. Eine andere Freundin verwies mich auf die zermürbende Ungewißheit hin, wenn eine Katze einfach nicht heimkäme und man endlos auf sie wartete, so daß man sogar dankbar wäre, wenn man allein von ihrem Tod wüßte. Und ich wäre ja zumindest dabei gewesen und wüßte nun ganz genau, wo sie sei. Marianne, mit der ich seit über 30 Jahren befreundet bin, sagte, daß Minky jetzt 100%-ig im Katzenhimmel bei ihrem Erstfrauchen sei und dort auf mich wartete. Und wenn ich im Frühling im Garten buddle, dann wird Minky mir dabei helfen und sie wird gelben Schmetterlingen nachjagen, die sie umschwirrten. Ich antwortete ihr nur, daß sie bei ihrer Schmetterlingsjagd wohl genauso wenig Erfolg haben werde wie im vergangenen Herbst, wo sie sich knurrend an Vögel anschlich, so daß ich Zweifel hegte, ob ich ihr die Vogeljagd vielleicht irgendwann mal vormachen müsse.

Donnerstag, 18.03.10: nach wie vor ein schlimmer Tag, den ich mittags mit einer Ausrede (ich müsse auf eine Beerdigung) verkürze, was so falsch gar nicht ist, denn ich begebe mich schnurrstraks in den Baumarkt, wo ich Utensilien für Minky's Grab kaufe: grüne Beeteinfassung, Graberde, einen Gartenstock mit geschneckten Steinen, weil sie meine Schnecke war, und Rasensaat für rundherum.

Freitag, 17.03.10: ich schaufle Minky's Grab bis zum Chintztuch wieder auf und lege ihr Sabber-Schmusekissen, das ich zuvor aufgeschnitten und von aufgeplatztem Saatgut geleert habe, hinein. Dann schaufle ich alles wieder zu, lege die Beeteinfassung mehr oder minder gelungen als Herzform an, kippe neue Blumenerde mit meinem letzten Kaffeesatz vermengt rein, dann platziere ich das wochenlang im Auto chauffierte Saatgut mitsamt dem alten aus dem Sabberkissen (vielleicht kommt ja doch eine Pflanze raus) wie auch die an Minky's Todestag so „überflüssig gekaufte“ orange Beetrose und die mehrfarbigen Gladiolen in Bicolor. Zuletzt säe ich Rasensamen um Minky's Grab und platziere den Eisenstab mit den geschnitzten Schneckensteinen, dann die zu Weihnachten von Anita geschenkte Katzenskulptur und einen gelben Schmetterling am Holzstab. Gerade, als ich fertig bin, umflattert mich näckisch ein satt-gelber Zirtonenfalter, der gar nicht mehr von mir ablassen will ...

Samstag, 18.03.10: während ich hier und jetzt heulend diesen Abschlußbericht schreibe und erstmalig kein Schnurri zu meinen Füßen unter'm PC weiß, gehe ich ab und zu eine Zigarette nach draußen rauchen, sitze im gepolsterten Gartenstuhl und schaue wie hypnotisiert auf Minky's Grab. Jetzt, wo ich gerade wieder beim Qualmen war, traf ich den schwarz-weißen Kater an, wie er an Minky's Grab schnupperte und sich dabei kurz nach mir umsah, als wüßte er, daß auch er der wunderbarsten aller Seniorenmiezen nie mehr begegnen würde.

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