Polly - verstorben am 21.02.2010

Die Zeit mit Polly - aus Sicht eines normalerweise rational denkenden Herrchens

Die Diagnose der Herzspezialistin war eindeutig und erschütternd. Polly, die im Oktober 2008 aus einer Tötungsstation in Spanien zu uns kam hatte Pulmonalklappeninsuffizienz, also einen ungenügenden Verschluss der Klappe in der Austreibungsbahn der rechten Herzkammer. Dadurch strömt Blut aus der Lungenschlagader in die rechte Herzkammer zurück. „So einen schlechten Befund hatte ich schon lange nicht mehr. Ich denke, die Lebenserwartung dürfte bei ca. 3-4 Monaten liegen, dann kommt der Sommer und es wird warm. Und bitte nicht länger als 10 Minuten langsam Gassi-Gehen“. Soweit der medizinische Befund vom Februar 2009 der an Tragweite die zuvor notwendige Entfernung des rechten Auges als Nebensächlichkeit erscheinen ließ.

Gassi-Gehen zusammen mit unseren anderen 3 Hunden war für Polly das Allergrößte. Sie forderte die Spaziergänge direkt ein, indem sie sich vor einem hinsetzte und mit ihrem linken Auge fragte: „Wann  geht es den endlich los?“ Vielleicht auch wohl wissend, dass es anschließend ein leckeres Fressen gab, angereichert mit verschiedenen Tabletten, die unsere Tierärztin zur Stärkung des Herzens und zu Entwässerung der Lunge zusammengestellt hatte. 

So verging ein Monat nach dem anderen und es entwickelte sich eine besondere Beziehung zwischen Stupsi-Polly und mir. „Stupsi“ war der Ausdruck für ihre besondere Nasenform. Die prognostizierte 3 Monatsfrist war inzwischen verstrichen. Sogar die heißeren Sommertage überstand sie recht gut, nicht im Garten, sondern auf dem kühlen Steinboden in der Küche. So kamen plötzlich Gedanken auf, wie: „Vielleicht hat sich das Krankheitsbild ja gebessert?“. Ein emotionales Wunschdenken! Aus medizinischer Sicht Quatsch. Gerade bei einer starken Wetterveränderung merkte man doch ihre Krankheit. Es ging ihr dann nicht so gut und sie war unruhig.

Ihr Drang zum Spazierengehen war aber weiterhin ungebrochen und ich hatte des Öfteren das Bedürfnis, sie vor sich selbst zu schützen, denn sie rannte manchmal plötzlich los und hatte offensichtlich auch noch Freude daran. Die Vorstellung, dass Polly dabei einfach einmal tot umfällt war schrecklich und immer präsent.

Endlich kam wieder die kältere Jahrzeit. Die prognostizierte Frist war inzwischen fast vergessen. „Komm Polly wir schaffen das, diesen Winter noch…….. und vielleicht sieht unsere Tierärztin auch noch eine Möglichkeit.“ Meine innerlichen Durchhalteparolen wurden leiser, da Polly immer öfter an Atemnot litt und immer wieder stark hustete. Dieses verdammte Lungenödem! „Aber sie bekommt doch etwas zum Entwässern.“ Aus medizinischer Sicht können wir jetzt nichts mehr leisten, sagte unsere Tierärztin und wir wussten, dass sie sich diese Aussage nicht leicht gemacht hat.

Nun drehte sich die Fragestellung um, von „Wie können wir Polly helfen?“ zu „Wann müssen wir sie gehen lassen?“. Ich habe lernen müssen, dass es unterschiedliche Antworten auf die zweite Frage gibt, je nachdem ob die Vernunft oder das Gefühl dominiert. Die Vernunft hatte am Sonntag den 21.2.2010 entschieden Polly gehen zu lassen, obwohl das Gefühl diese Entscheidung nicht mit trug.

Unsere Tierärztin war auch an diesem Sonntag für uns da. Die Fahrt zu ihr verging dieses Mal zu schnell, dabei hätte ich ja noch einen Umweg fahren können.  Angekommen quälte mich die Frage: „Gibt es vielleicht doch noch eine Möglichkeit?“ Meine Frau sprach diese Frage aus obwohl wir ja die Antwort kannten. Respektvolles, verhaltenes Kopfschütteln unserer Tierärztin. Ich wollte Polly im Arm halten, wenn sie die Narkosespritze bekommt. Ich hielt sie auch im Arm, ging dann in das Wartezimmer und setzte mich mit ihr auf eine Bank. „Es ist ja nur eine Narkose. Man könnte sie ja wieder aufwachen lassen. Vielleicht ja doch noch ein paar Tage. Einmal noch Gassi-Gehen. Ihren Lieblingsweg an der Sanatoriumswiese. Entschuldige Polly!“  

Meine Frau und unsere Tierärztin kamen in das Wartezimmer. Polly schlief fest. Es ist Zeit für die zweite Spritze. Ich gab Polly meiner Frau, verließ die Praxis und ging zu meinem Auto. Anscheinend war ich nicht in der Lage, die Endgültigkeit und Zwiespältigkeit dieser richtigen Vernunftentscheidung miterleben zu können.  

Polly durfte viel länger bei uns sein als das Krankheitsbild es eigentlich zuließ. Sie traf in dieser Zeit die wir miteinander hatten immer wieder ihre kleinen Entscheidungen, z.B. über den richtigen Zeitpunkt zum Gassi-Gehen oder für das Nachmittags-Leckerchen, meist gab es Schlundfleisch.

Eine Entscheidung hat sie jedoch uns überlassen, den richtigen Zeitpunkt für den Abschied.
H.-J. Richter

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